Gerhard Wisnewski
Es gibt keinen Abschiedsbrief der Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig? In gewisser Weise doch. Zwar war dieser »Brief« nie als Abschiedsbrief gedacht, aber nach Lage der Dinge handelt es sich dabei um das schriftliche Vermächtnis der auf mysteriöse Weise verstorbenen Jugendrichterin. Die Rede ist von ihrem Buch Das Ende der Geduld – Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter. Das Werk gibt Antworten auf viele Fragen – dummerweise auf solche, die von der Politik nie gestellt wurden. Nicht zuletzt aber auch auf die Frage, ob sich Heisig wirklich umgebracht hat. Gerhard Wisnewski hat das Buch gelesen.
Man kennt Richter als strenge, kalte Sachwalter des Gesetzes, die unerbittlich ihre Urteile sprechen. Den Angeklagten erscheinen sie als Halbgötter in Schwarz, die schnell und mit chirurgischer Präzision ein Urteil verkünden und dann wieder hinter den Türen des Sitzungszimmers verschwinden. Der Richter als Black Box. Richter erscheinen als unnahbare und aseptische Respektspersonen, die über den Dingen stehen und sich die Finger nicht schmutzig machen. Bei Kirsten Heisig war gar die Rede von »Mrs Tough« oder »Richterin Gnadenlos«, weil sie sich darum bemühte, jugendliche Gewalttäter möglichst schnell und – wenn es sein musste – auch hart zu bestrafen.
Die Apokalypse hinter den Sonntagsreden
Umso unvorbereiteter trifft einen das Richterbild, das einem aus dem Buch von Kirsten Heisig entgegenblickt. Danach sind Richter oft genug die Putzkolonne der Gesellschaft. Sie schuften tagein, tagaus in den Katakomben der Gesellschaft, wobei ihnen die Probleme über dem Kopf zusammenschlagen. Während oben glitzernde Maschinen laufen und die Gesellschaft normal zu funktionieren scheint, tropft unten der zähe, schwarze Bodensatz in die Auffangschalen der Justiz. Ein Bodensatz aus Verwahrlosung, Kriminalität, Drogen- und Alkoholkonsum und Prostitution, kurz: die Apokalypse hinter den Sonntagsreden der offiziell gepflegten Ideologien.
Statt jedoch den Bankrott zu erklären, fährt die Politik lieber weiter mit platten Reifen über Schotterstraßen, bis das Fahrwerk zusammenbricht. Jedes Anhalten und jeder Kurswechsel wären ja eine Niederlage. Während ohne Rücksicht auf Verluste Ideologien gepflegt werden, sammeln sich genau diese Verluste in den Auffangschalen der Justiz. Hier beginnt der letzte Kampf um die Menschlichkeit, hier werden den sozialen Herzen der Menschen die letzten Stromstöße und Intensivtherapien verpasst in der Hoffnung, dass sie wieder zu schlagen beginnen.
So stellt sich das jedenfalls in Heisigs Buch dar, und was sie angeht, kann man ihr das auch abnehmen.
Doch meistens erscheint auf dem Bildschirm nur eine durchgezogene Linie: sozialer Exitus. Dementsprechend drastisch geht es zu: Man blickt in die geöffneten Lebensläufe von zu früh gescheiterten Jugendlichen. Man schaut in die kaum noch schlagenden offenen Herzen von todkranken Familien. Man blickt auf Biografien, die beendet sind, bevor sie überhaupt begonnen haben.
Selbstmord – absurd und verständlich zugleich
Liest man in Heisigs Buch, wird ihr angeblicher Selbstmord absurd und verständlich zugleich – zunächst.
Verständlich, weil das (in ihrem Buch ohnehin gefilterte) Elend kaum zu ertragen ist und der Kampf hoffnungslos zu sein scheint. Tausende Kinder und Jugendliche verwahrlosen und sozial – aber manchmal auch physisch – sterben zu sehen, ist nun mal nicht jedermanns Sache und schlägt aufs Gemüt.
Absurd, weil Kirsten Heisig bei einem Selbstmord nicht nur ihre Töchter allein gelassen hätte, sondern auch die riesige Problemfamilie der jugendlichen Delinquenten, die sie betreute. Zum Teil hatte sie ihre »Kunden« jahrelang auf dem Monitor, nicht nur, weil sie immer wieder vor dem Richtertisch standen, sondern auch in Gestalt von Berichten von Bewährungshelfern und Sozialdiensten.
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Gruß
Der Honigmann
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Energie ist ja bekanntlich unvergänglich, wandelbar………
Kirsten Heisig ist übrigens nicht die Einzige , die auf ihre Art und Weise immer noch existent ist und ebenfalls auf unserer Seite kämpft !
[...] Das Buch von Kirsten Heisig ist dennoch ein interessanter Abendfüller. Für die 200 Seiten benötigt man drei bis vier Stunden, die sich schon deshalb lohnen, weil die Fülle an statistischen Zahlen und Vergleichen gutes und aktuelles Argumentationsmaterial liefert. Welche Schlüsse zu ziehen sind, bleibt jedem selbst überlassen – und gerade das machte das Buch für die Demokraten und für Frau Heisig, die sich sicher als eine von ihnen verstand, so gefährlich. [...]