Armin Risi
Vor genau 110 Jahren, am 25. August 1900, verstarb in Weimar der kontroverse Dichter und Philosoph Friedrich Nietzsche im Alter von 55 Jahren. Seine Kritiker erklärten ihn schon zu Lebzeiten für tot und ohne Zukunft, aber sie unterschätzten offensichtlich die Reichweite seiner Werke und Gedanken. Heute gehört Nietzsche zu den einflussreichsten deutschen Philosophen und wird vor allem von den »neuen Atheisten« gerne zitiert und als einer ihrer großen Vorkämpfer dargestellt. Nietzsche jedoch war kein atheistischer Ideologe, sondern ein radikaler Denker, der sowohl die geistlose Mittelmäßigkeit der herrschenden Normen als auch die Heucheleien im Namen von Religion, Philosophie und Moral wortgewaltig kritisierte. Zu seinem 110. Todestag möchte ich eine Seite von Nietzsche aufzeigen, die vielfach übersehen wird von den Atheisten, die ihn einseitig vereinnahmen, genauso wie von den vielen Religiösen, die ihn unverständig verteufeln.
Nietzsche sah die Weltkriege voraus
Friedrich Nietzsche (1844–1900), dieser einzelgängerische und eigenwillige Philosoph, der die letzten zehn Jahre seines Lebens in geistiger Ablösung (»Umnachtung«) verbrachte, ist eine vielschichtige Person. Für die einen ist er »der letzte große Philosoph«, für andere ist er der erste namentliche »Antichrist« – ein Ausdruck, den Nietzsche prägte, um damit sich selbst zu bezeichnen, und zwar nicht verstohlen und heimlich, sondern als Überschrift eines seiner Spätwerke: Der Antichrist – Versuch einer Kritik des Christentums (er änderte später den Untertitel: Der Antichrist – Fluch auf das Christentum).
Man muss sich in Nietzsches Lage versetzen: zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, militärische und industrielle Aufrüstung, das Versagen des Idealismus, Humanismus und der Religionen. Und nichts Besseres in Sicht. Im Gegenteil. Nietzsche sieht prophetisch in die Zukunft (1889 in: Ecce Homo, letztes Kapitel, Abs. 1):
»Ich widerspreche, wie nie widersprochen worden ist, und bin trotzdem der Gegensatz eines nein-sagenden Geistes. Ich bin ein froher Botschafter […] Denn wenn die Wahrheit mit der Lüge von Jahrtausenden in Kampf tritt, werden wir Erschütterungen haben, einen Krampf von Erdbeben, eine Versetzung von Berg und Tal, wie dergleichen nie geträumt worden ist. Der Begriff Politik ist dann gänzlich in einen Geisterkrieg aufgegangen, alle Machtgebilde der alten Gesellschaft sind in die Luft gesprengt – sie ruhen allesamt auf der Lüge: es wird Kriege geben, wie es noch keine auf Erden gegeben hat.«
Nietzsche sah die Dringlichkeit der Zeit und versuchte energisch, das Steuer der Welt herumzureißen, indem er gegen herrschende Denksysteme Sturm lief, sowohl gegen die religiösen als auch gegen die bürgerlichen und die der Elite, denn all diese Weltbilder erkannte er als die Ursache für die Entgleisung und »Entartung« der Menschheit. Er sah die Weltkriege voraus – Kriege, »wie es noch keine auf Erden gegeben hat«, und er sah hinter dem Weltgeschehen in erster Linie einen »Geisterkrieg«: einen Krieg der geistigen Anschauungen, letztlich einen Krieg um den Geist und die Seele der Menschen. Und er ahnte, dass man dereinst in diesem »Geisterkrieg« auch ihn missverstehen und missbrauchen wird, was dann ein halbes Jahrhundert später auch geschah – in seinem eigenen Geburtsland: »Ihr verehrt mich, aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfällt? Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!« (Ecce homo, Vorwort)
»Der Wille zur Macht«
Nietzsche wird auch der Philosoph »mit dem Hammer« genannt, in Anlehnung an seinen Buchtitel Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophiert. Er erklärt, er setze den Hammer gegen die vielen Götzen der Welt ein (»Es gibt mehr Götzen als Realitäten in der Welt«), er schlage mit dem Hammer »wie mit einer Stimmgabel« auf diese Götzen, um deren Hohlheit oder Aufgeblasenheit hörbar zu machen.
Nietzsche suchte überall nach falschen Idealen und Halbwahrheiten und schüttete sie – manchmal auch samt den Wahrheiten – aus wie den abgestandenen Inhalt halbleerer Gläser, damit sie gesäubert und neu gefüllt werden können. Womit, wusste er selbst nicht genau. Aber in einem war er sich sicher: dass der Weg zur Wahrheit das Zerschlagen von Halbwahrheit und Unwahrheit erfordert.
Besonders kritisch wandte er sich gegen die platonische Lehre einer geistigen Welt, weil er meinte, durch sie entstehe gezwungenermaßen ein destruktiver Dualismus von »Gott« und »Welt«, der dazu führe, dass die Natur und damit das »Natürliche« als etwas Feindliches gesehen würden (»jene ganze Fiktions-Welt hat ihre Wurzel im Hass gegen das Natürliche«; Der Antichrist, Abs. 15). Mit dieser Kritik wandte er sich insbesondere gegen die Dogmatik und Moral des Christentums. Er lehnte aber auch den »Europäer-Buddhismus« ab, der zu einem Nihilismus führt, d. h. zu einer Ansicht, es gebe überhaupt keine objektiven Werte und Wahrheiten. Der Weg zur Überwindung des Platonismus, der christlichen Dogmatik und des Nihilismus ist für ihn »der Wille zur Macht«, so auch der Titel eines unvollendeten Werkes seiner letzten Schaffenszeit.
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Die Frage des feien Willens
Wenn Nietzsche den »Willen zur Macht« betont, betont er damit den freien Willen des Menschen. Es sei der »Wille zur Macht«, der den Menschen zum überdurchschnittlichen Menschen, zum »Übermenschen«, werden lasse. Mit dieser Ansicht unterscheidet sich Nietzsche von den Vertretern der materialistischen und anderen atheistischen Weltbilder, die besagen, der Mensch habe letztlich keinen freien Willen; Bewusstsein und damit der Wille seien ein Produkt des Gehirns.
Nietzsche wusste natürlich um diese damals neue (darwinistische) Sichtweise und übernahm sie selbst ebenfalls, jedoch nicht ohne Sarkasmus:
»Wir haben umgelernt. Wir sind in allen Stücken bescheidner geworden. Wir leiten den Menschen nicht mehr vom ›Geist‹, von der ›Gottheit‹ ab, wir haben ihn unter die Tiere zurückgestellt. […] Was die Tiere betrifft, so hat zuerst Descartes, mit verehrungswürdiger Kühnheit, den Gedanken gewagt, das Tier als machina zu verstehn: unsre ganze Physiologie bemüht sich um den Beweis dieses Satzes. Auch stellen wir logischerweise den Menschen nicht bei Seite, wie noch Descartes tat: was überhaupt heute vom Menschen begriffen ist, geht genau so weit, als er machinal begriffen ist. Ehedem gab man dem Menschen, als seine Mitgift aus einer höheren Ordnung, den ›freien Willen‹: heute haben wir ihm selbst den Willen genommen, in dem Sinne, dass darunter kein Vermögen mehr verstanden werden darf. […] der Wille ›wirkt‹ nicht mehr, ›bewegt‹ nicht mehr …« (Der Antichrist, Abs. 14).
Nietzsche erkannte, dass der Mensch hier nur noch als Maschine gesehen wird, so wie bereits Descartes das Tier als machina bezeichnet habe; nun werde der Mensch, der »unter die Tiere zurückgestellt« worden sei, ebenfalls nur noch »machinal« begriffen. Nietzsche übernahm diese Sicht, zumindest theoretisch, und erkannte dabei mit – auch für ihn – erschreckender Klarheit, in welche Richtung sich die Menschheit mit einem solchen Menschenbild bewegen wird (siehe obiges Zitat zu den Kriegen, »wie es noch keine auf Erden gegeben hat«). Trotz der Negierung des freien Willens durch die materialistische Wissenschaft glaubte Nietzsche an den »Willen zur Macht« als inhärentes geistiges »Vermögen« des Menschen – nur eines von vielen Beispielen für die eingangs erwähnte Widersprüchlichkeit in Nietzsches Art des Argumentierens. Aber gerade durch diesen Mut zum paradoxen Denken behielt er die Türen offen, die es erlauben, über herrschende Normen und Dogmen, auch wissenschaftliche Dogmen, hinauszugehen.
Nietzsche zählte sich zu einer »neuen Gattung von Philosophen«, zu den »sehr freien Geistern«, die er selbst »Versucher« nennt, in der doppelten Bedeutung des Wortes (Jenseits von Gut und Böse, Abs. 42 und 44), und sah seine Aufgabe in einer »Umwertung aller Werte«, d. h. im Entlarven aller falschen Dogmen, Ideale und Wahrheitsansprüche. Zu dieser Umwertung aller Werte gehörte auch die Umkehrung des Platonismus: nicht mehr die geistige, sondern die materielle Welt ist die wirkliche Realität. Den (scheinbaren) Dualismus Geist–Materie will Nietzsche dadurch überwinden, dass er die Existenz einer geistigen Welt verneint und die materielle Welt zur einzigen Wirklichkeit erhebt. Dann aber, so erkannte er richtig, lebt der Mensch in einer Welt, die keinen höheren oder gar absoluten Sinn hat, die letztlich also sinn-los und gott-los ist; der Mensch muss dann versuchen, in einer an sich sinnlosen Welt einen Sinn des Lebens zu finden, was immer eine Art Selbsttäuschung ist. Nietzsche stellte sich der vollen Wucht dieser Konsequenzen, ohne sich emotionell und existenziell auf einen falschen Trost einzulassen (was viele inkonsequente Atheisten jedoch tun). Er versuchte, intellektuell an dieses Weltbild zu glauben, spürte dabei aber, dass er hier selber in einem Nihilismus enden würde, weshalb er durch eine »Umwertung aller Werte« wahre Werte und höheren Sinn finden wollte. Und immer wieder sah er sich in seinen Gedankengängen mit der möglichen Realität Gottes konfrontiert, die er vielleicht gerade wegen seiner radikalen Wahrheitssuche lebendiger wahrnahm als mancher Routine-Gläubige.
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»Gott ist tot«
»Gott ist tot« ist wahrscheinlich die berühmteste Nietzsche-Aussage und wird meistens nur mit diesen drei Worten zitiert. Diejenigen, die nur diese drei Wörter kennen, staunen jeweils, wenn sie zu sehen bekommen, in welchem Zusammenhang dieser vermeintlich atheistische Ausspruch erscheint. Er steht im Buch Die fröhliche Wissenschaft, Absatz 125, und erscheint im Rahmen einer gleichnishaften Geschichte, in der ein »toller Mensch«, d. h. ein Außenseiter und verzweifelter Gottsucher auftritt, und es ist dieser Mensch, der »Gott ist tot« ruft:
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»… keineswegs antireligiös«
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Nietzsche und »der radikale Mittelweg«
Nietzsche distanziert sich einerseits von den Atheisten, die »auf dem Markt« stehen und über jegliche Gottsuche nur lachen, und ebenso distanziert er sich von allen Religionen, die einen Absolutheitsanspruch erheben. Gleichzeitig leidet er darunter, dass »noch kein neuer Gott« in Sichtweite ist, was jedoch nicht an Gott, sondern an den Menschen liegt, wie er immer wieder betont. Gleichzeitig prophezeit er, dass der von den Religionen vereinnahmte Gott nach seiner »Häutung« in neuer Form in das Bewusstsein der Menschen zurückkehren wird: »Und ihr sollt ihn bald wiedersehen, jenseits von Gut und Böse.« Aus dieser Sicht heraus hatte Nietzsche die Gewissheit, »um eine neue Größe des Menschen zu wissen, um einen neuen ungegangenen Weg zu seiner Vergrößerung.« (Jenseits von Gut und Böse, Abs. 212)
Als ich das Buch Der radikale Mittelweg schrieb, dachte ich natürlich auch an diesen »neuen ungegangenen Weg«, der zur »Überwindung von Atheismus und Monotheismus« führt – so der Untertitel dieses Buches. Als Monotheismus bezeichne ich jene Religionsformen, die an einen »einzigen« Gott glauben und dadurch einen Monopolanspruch erheben, und unterscheide ihn vom Theismus, dem Glauben an einen absoluten Gott. »Einziger« Gott und »absoluter« Gott sind nicht dasselbe. Das Konzept eines »einzigen« Gottes kritisierte auch Nietzsche: »Die Liebe zu Einem [Einzigen] ist eine Barbarei: denn sie wird auf Unkosten aller übrigen ausgeübt. Auch die Liebe zu Gott.« (Jenseits von Gut und Böse, Abs. 67)
Der »einzige« Gott – im Gegensatz zum »absoluten« (= allumfassenden) Gott – ist elitär, separatistisch und sektiererisch: »Man muss sich nicht irreführen lassen: ›Richtet nicht!‹ sagen sie, aber sie schicken alles in die Hölle, was ihnen im Wege steht. Indem sie Gott richten lassen, richten sie selber; indem sie Gott verherrlichen, verherrlichen sie sich selber; […] man hat sich, die ›Gemeinde‹, die ›Guten und Gerechten‹ ein für alle Mal auf die eine Seite gestellt, auf die der ›Wahrheit‹ – und den Rest, ›die Welt‹, auf die andre …« (Der Antichrist, Abs. 44)
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Schlussgedanken zu Nietzsches 110. Todestag
»Die hohe unabhängige Geistigkeit, der Wille zum Alleinstehn, die große Vernunft« – Nietzsche verkörperte diese Eigenschaften auf eine ganz eigene und tragische Weise, und er rannte allein gegen eine Entwicklung und Dekadenz an, die er voraussah, aber nicht aufhalten konnte. Wie der vorliegende Artikel zeigt, erkannte Nietzsche, dass Wahrheitssuche nicht zu einem Atheismus und Nihilismus führen muss. Er war kein Gotthasser, und er hatte eine tiefe Bewunderung für Jesus: »[…] im Grunde gab es nur Einen Christen, und der starb am Kreuz.«
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Gruß
Der Honigmann
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Gott ist nich tot, die Kirche ist tot! Die Kirche hat mit Gott nichts mehr gemeinsam.
Sie schwört nur noch Staatstreue-wessen Brot ich ess dessen Lied ich sing-am Monatsanfang holt man sich die Kontoauszüge und lächelt.
Seitdem ich diese Einstellungn habe und nicht mehr vor Gottes Vertreter knie und demütig bin geht es mir gut.
Ich bin ich, ich gehöre mir und nicht der Kirche.
Was berechtigt die Kirche nach dem zertrennen der Nabelschur zu sagen: Du gehörst uns! Jetzt zahlen Deine Eltern für Dich Steuern und Abgaben und später zahlst Du an uns!
Ich gehöre mir und nicht der Kirche und Gott stellt die Weichen, nicht die Kirche!