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Posts Tagged ‘Vögel’


Dieser Wald ist nicht viel anders als andere. Oberflächlich betrachtet sieht er so aus: Es gibt Bäume – große, mittelgroße und kleine. Es gibt Wild. Viel Wild. Und Vögel. Eine Menge Vögel, man kann sie hören und sehen. Es gibt auch Milane, und die kreisen majestätisch oft genau über diesem Wald. Dass es so ist, darauf würden viele Menschen einen Eid schwören. Man hat sie aber nicht gefragt. Es gibt Wege. Und besondere Orte. Zum Beispiel einen wunderbaren Findling am Wegesrand. Moosüberzogenes Totholz. Stellen, an denen Wundersames passiert ist. Und bald gibt es dort Windräder. Eine kleine Geschichte über eine große Lüge.

Ja, es ist ein Wald wie fast alle anderen. Und doch ist er etwas Besonderes: Es ist unser Wald. Er gibt uns immer noch Holz für den Winter und Kühle im Sommer. Er zeigt uns, wie schön und wertvoll Natur ist. Nun wird aus unserem Wald ein Industriegebiet. Drei sogenannte Windenergieanlagen (WEA) werden gebaut. Mit der Rodung wurde bereits begonnen. Und das ist bitter: Für die Tiere, für den Wald, für uns Menschen. Widerstand war von Anfang an zwecklos.

Dienstag, 27. Dezember. Ich lese in »meiner« Zeitung, dass die drei Windenergieanlagen im Wald zwischen Grünberg, den Stadtteilen Weickartshain, Stockhausen und Lehnheim sowie dem Mücker Ortsteil Flensungen vom Regierungspräsidenten in Gießen genehmigt wurden. Wenige Tage vor Jahreswechsel also. Und das hat einen guten, nein keinen guten Grund. Betreiber von Windkraftanlagen erhalten garantierte Abnahmepreise. Schon für das laufende erste Quartal wurden die zugesagten Preise aber gesenkt. Was 2016 noch genehmigt wurde, wird noch nach der alten Regel gefördert. Es musste also schnell gehen … Viele Menschen im Seenbachtal hatten trotzdem bis zuletzt gehofft, dass noch ein Wunder geschieht. Es blieb aus. Nun also werden Tatsachen geschaffen. Oder doch nicht?

Januar 2017. Ich suche im Wald nach den genauen Standorten. Was kein großes Problem ist, den Wald kenne ich seit Kindertagen. Aber ein bisschen hin und her laufen muss ich schon, dabei auch die Wege verlassen, dann aber habe ich die drei Holzpflöcke gefunden, auf denen steht: WEA 1, WEA 2 und WEA 3. Jede Anlage wird 200 Meter hoch sein. Im Vogelsberg soll, so heißt es, bald ein Windrad mit rund 240 Meter Höhe gebaut werden. Ob’s stimmt? Keine Ahnung. Da man bislang aber auf dieses Mittelgebirge keinerlei Rücksicht genommen hat, kann ich mir vorstellen, dass die Betreiber das den Menschen und Tieren dort oben auch noch zumuten. Was nun überall gebaut wird, sind stählerne Riesen, aber keine Windräder mehr.

Viele Menschen finden Windräder toll. Aber viele eben auch nicht. Manche, die in der Nähe solcher WEA leben müssen, haben Angst um ihre Gesundheit, fürchten auch um den Wert ihrer Immobilien. Das Landschaftsbild ist ein Thema. Bei den Windrädern, die im Wald errichtet werden, kommt aber etwas Gravierendes hinzu: Natur wird zerstört, Tiere werden vertrieben oder getötet, Naherholungsgebiete werden in Industrieparks umgewandelt. Das geschieht nun auch in Grünberg – nur gut 1000 Meter entfernt von zwei Schulen, an denen insgesamt 1625 Schüler unterrichtet werden. Egal, der Magistrat wollte es so, das Parlament hat damals nach ein wenig Geplänkel zugestimmt – und jetzt hat eben auch das RP Gießen seinen Segen erteilt. Und das alles, obwohl 80 Prozent der Bevölkerung in Deutschland laut einer repräsentativen Umfrage Windräder in Wäldern ablehnen. Aus gutem Grund!

Mitten durch das betroffene Gebiet führt der alte Weg, früher war es nur ein Pfad, von Stockhausen nach Grünberg. Als Schüler bin ich ihn manchmal gegangen, wenn der Unterricht in der Theo-Koch-Schule spät endete und kein Bus mehr fuhr. Ich konnte dabei die Zeit vergessen, denn ich kam am alten »Saufang« vorbei – und an den Fischteichen. Da gab es allerlei zu bestaunen. Ich konnte Molche fangen, war auf der Suche nach Salamandern. Oft bekam ich dann zu Hause Ärger, weil meine Eltern sich Sorgen gemacht hatten. Aber ich lernte viel über die Natur, sammelte Bucheckern, kannte bald jeden Weg, bestaunte die höchsten Bäume und wusste auch, wo man Wild beobachten konnte. Viele Kinder und Jugendliche im Dorf hatten damals eine enge Beziehung zu diesem besonderen Teil der Gemarkung. Und manche haben sie auch heute noch.

Jede Familie in Stockhausen und Weickartshain hat seine eigene Geschichte mit diesem Wald. Meine auch. Kurz vor Weihnachten 1957 ist mein Vater in diesem Forst verunglückt. Beim Fällen eines Baumes traf ihn ein großer Ast an Kopf und Schulter. Er hatte schwere Schädelverletzungen. Dennoch lief er nach Hause. In der Küche ist er dann kollabiert, war dem Sterben nahe. Viele Jahre später hat er mir die Stelle gezeigt, an der es passiert ist. Seit Mitte Januar weiß ich, dass genau dort nun eine dieser Industrieanlagen gebaut wird. Kann niemand wissen, interessiert sicher auch nur wenige. Aber es gibt Dutzende solcher Geschichten. Es leben nicht mehr so viele der alten Waldarbeiter. Die noch da sind, könnten eine Menge erzählen. Auch sie wurden nicht gefragt, was sie vom Bau der WEA halten. In diesem Wald haben früher alle aus den Dörfern rundum Holz gemacht, haben Spalten ewig weit getragen, weil man mit dem Wagen nicht nahe herankam. Jeder, der älter als 50 ist, wird sich noch daran erinnern. Wir haben dort das Sommerholz gelesen und Reisig geholt – damit wurde das Backhaus angeheizt.

Eine Frau aus dem Vogelsberg schrieb mir vor einigen Monaten: »Oft frage ich mich, was mein Großvater zu diesem Irrsinn (Windräder im Wald) gesagt hätte. Ich kann mich noch gut erinnern, als vor dreißig Jahren der große Eisbruch in unseren Wäldern war. Mein Opa hat oft davon erzählt, wie er spät abends den Krach berstender Bäume im Dorf gehört hat, aber keine Vorstellung hatte, was da oben passiert. Als er am nächsten Tag in unseren Wald fuhr, waren alle Bäume wie Streichhölzer abgeknickt. Trotzdem hat er mit 67 Jahren alles noch mal aufgearbeitet und neu bepflanzt. Wenn ich daran denke, wie meine Vorfahren sich im Wald krumm und bucklig gearbeitet haben, werde ich wütend über diese Respektlosigkeit und diese Habgier, mit der nun unsere Natur ausgebeutet und zerstört wird. Wo bleibt die Demut vor der Schöpfung!?« Ich weiß es nicht.

Mein Vater war einige Jahre Waldarbeiter. Er hat uns viel über diese Zeit erzählt. Das Wort Demut kannte er auch. Würde er noch leben, wäre er Windkraftgegner. Ganz sicher. Er war immer voll des Lobes über die Förster, die damals noch genau das machten, was wir heute als nachhaltige Forstwirtschaft bezeichnen. Die Haltung mancher Forstleute hat sich geändert. Auf der Website von Hessen Forst kann man lesen: »Zum Schutz von Natur- und Landschaft stimmen wir die Maßnahmen zur Errichtung von Windenergieanlagen so ab, dass möglichst wenig Fläche beeinträchtigt wird. Sensible Wälder werden geschont und auch dort, wo besondere Arten wie zum Beispiel der Schwarzstorch, die Mopsfledermaus oder der Rotmilan ihr Zuhause im Wald gefunden haben, wird auf Windenergieanlagen verzichtet.« Gut, aber dann dürften in unserem Wald keine Windräder gebaut werden. Der Milan ist da. Andere besonders geschützte Tierarten wurden einfach vertrieben, in dem man ihnen die Lebensgrundlage entzogen hat.

Dort, wo nun bald das WEA 2 stehen wird, war ein Ort, an dem sich Fuchs und Hase eine gute Nacht gewünscht haben. Bis zum nächsten Tag, an dem wieder der Kampf ums Überleben begann. Die Stelle hatte bis vor einigen Tagen etwas Verwunschenes: Kleine Fichten standen da, es gab Mulden, die den Tieren im Winter Schutz boten gegen eisigen Wind. Bald wird sich da ein Koloss aus Stahl dem Himmel entgegenstrecken. Und für Tiere wird kein Platz mehr sein. WEA 1 wird wie ein Mahnmal jeden Autofahrer auf der B49 daran erinnern, dass hier ein Exempel statuiert wurde: Man hat der Bürgerinitiative gezeigt, wer die Macht hat. Und WEA 3 liegt ganz nah bei meinem Berg vor Weickartshain. Nur ein Steinwurf entfernt. Dieser Sehnsuchts- und Zufluchtsort wird also zerstört. Wie viele andere auch.

Ich könnte noch eine Menge schreiben. Aber ich brauche noch ein bisschen Platz, benötige noch ein paar Zeilen für das, was heute Abend bevorsteht. Auf Antrag der FDP-Fraktion wird im Stadtparlament noch einmal über einen Ausstieg diskutiert und abgestimmt. Vermutlich zu spät. Und die Mehrheiten sind gesichert. Aber man könnte heute Abend ein Signal aussenden: Ja, wir haben Zweifel! Aber man will vermutlich nicht. Man – das sind Magistrat und Stadtverordnete. Viele von ihnen sind in den letzten Wochen nachdenklich geworden. Menschen, die es wissen müssen, sagen, dass wohl Druck ausgeübt wurde auf die, die vielleicht die Hand gehoben hätten für den FDP-Antrag. Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß: Einige, insbesondere die Fraktionschefs, wollen das Thema vom Tisch haben. Nach dem Motto: »Es soll endlich gebaut werden, damit Ruhe ist. Es werden sich schon alle daran gewöhnen.« Nein, sie werden sich nicht daran gewöhnen. Ich werde mich auch nicht daran gewöhnen.

Vielleicht denken manche, es ist ja nur ein kleiner Zipfel eines wirklich großen Waldes, auf den es gar nicht ankommt. Doch, es kommt darauf an. Ein Wald, auch ein Zipfel, ist mehr als Holz, ein Wald ist Leben. Es ist anmaßend, was die Politiker, allen voran die Grünen, nun der Natur, vor allem den Tieren abfordern. Früher haben die Grünen jede Kröte, jeden Hamster über die Straße getragen. Und das war gut und richtig. Sie haben die Menschen in unserem Land für den Umweltschutz sensibilisiert. Heute setzen sie alles daran, die Energiewende zu einem Erfolg zu führen. So aber wird das nichts werden. Klimaschutz und Naturschutz vertragen sich nicht mehr. Es kracht und knirscht überall.

Es gibt Menschen, die sagen, dass Windkraftgegner sich nicht aus Idealismus engagieren. Sie würden doch alle bezahlt – von der Ölmafia, der Kohlemafia und der Atommafia. So viel Mafia – und so viel Unsinn. Es ist schon sehr dreist, es zeugt von Unwissenheit und es ist ein Schlag ins Gesicht von Menschen, die mehr als nur ihre Freizeit dafür geben, damit zum Beispiel der Wahnsinn im Vogelsberg endlich ein Ende hat.

Ich glaube: Kein Windkraftgegner wird sich gegen eine sinnvolle und vor allem zielführende Energiewende stellen. Alle wollen doch weg vom schmierigen Öl und der dreckigen Kohle. Die Atomkraft ist ohnehin so gut wie tot. Aber wir sehen auch: Der CO2-Ausstoß wird nicht weniger, er nimmt zu. Und es drohen Blackouts.

Heute sagt man in Grünberg zu denen, die über einen Ausstieg aus dem Vertrag nachdenken: »Damit schadest du der Stadt!« Ich sage: Wer damals Ja zum Vertrag gesagt hat, der hat der Stadt viel mehr geschadet. Weil man nicht bis zum Ende gedacht hat. Und weil man vielleicht noch nie mitten in diesem Wald gestanden, nie den Milan beobachtet hat. Weil man nie einen Salamander in der Hand gehalten hat und nicht weiß, wie betörend gut frisches Harz duftet. Weil man nie im Moos gelegen und auch nie auf einer Lichtung rote und grüne Ostereier gefunden hat.

Das ist unser Wald. Ja, es ist auch mein Wald. Wenn die Windräder stehen und die Rotoren sich drehen, werde ich ihn nie wieder betreten. Ich wünsche den Tieren, dass sie eine neue Heimat finden. Dort will man sie sowieso nicht mehr haben. Ich wünsche dem Milan und der Haselmaus, dem Schwarzstorch und den vielen Fledermäusen, dass sie künftig verschont bleiben von der großen Lüge, die man heute noch stolz die Energiewende nennt.

Man hat immer die Wahl im Leben: Man kann schweigen – oder sprechen. Man kann sitzenbleiben – oder aufstehen. Man kann auf einen Tisch steigen, um eine neue Perspektive einzunehmen. Oder man kann weiter auf seine Akten starren und so tun, als ginge einen das alles nichts an. Man wird sehen, für was sich unsere Abgeordneten entscheiden: Für oder gegen den Wald.

http://www.giessener-allgemeine.de/regional/kreisgiessen/art457,211189

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Gruß an die

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